Der Nette Mann von Nebenan (Part II)

Jedes mal, wenn der nette Herr B. von nebenan auf sie aufpasste, hatte er sich in der Zwischenzeit eine neue Methode ausgedacht, um den letzten Fetzen kindlicher Unschuld und Unbekümmertheit unwiderruflich aus ihrer Seele zu verbannen.

Jenny dachte es wäre ihre Schuld. Sie versuchte sich einzureden, dass es ihr Spaß machte. Dass die Schmerzen in ihrem Unterleib, wenn Herr B. in sie drang, normal seien. Dass sie sich daran nur gewöhnen müsse. Dass Herr B. Recht hatte und alle Mädchen in ihrem Alter Schmerzen hätten. Dass sie dann aber froh seien, es immer wieder machen zu können. 

"Denn nur durch viel Übung ist ein Mädchen später in der Lage, seinen Ehemann zu befriedigen. Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich mit dir übe. Denn ohne dieses Training würdest später gar keinen Ehemann haben können. Und dann wären deine Mama und dein Papa doch enttäuscht. Und das wollen wir doch nicht.", wiederholte Herr B. jedes Mal wenn Jenny ihn anflehte aufzuhören weil sie die Schmerzen nicht ertrug.

Dieser Alptraum zog sich über 5 Jahre.

Jenny war ein psychisches Wrack. Sie verzweifelte zusehends. Sie machte sich Vorwürfe, dass es ihr keinen Spaß machte. Der nette Herr B. von nebenan war so freundlich ihr alles für die Ehe nötige beizubringen und sie hatte nichts anderes zu tun, als bei jeder Übungseinheit, wie Jenny es nannte, zu jammern. Sie war Herrn B. dankbar, dass er es so lange mit ihr aushielt.

Bis zu diesem Tag.

Sie war gerade 12 geworden. Herr B. würde an diesem Abend wieder mit ihr für die Ehe üben, wenn die Eltern ausgingen.

Um sich von ihren Schuldgefühlen abzulenken, las sie Zeitung. Zufällig stolperte sie über einen Artikel über einen Mann, der für lange Zeit ins Gefängnis musste, weil er mit Kindern für die Ehe geübt hatte. So stand es nicht in der Zeitung. Aber Jenny kamen die Sachen bekannt vor, deren sich der Mann schuldig bekannt hatte. Sie las selten Zeitung und noch seltener sah sie Nachrichten, sonst hätte sie es viel früher verstanden.

Aber in diesem Moment machte es bei ihr Klick. Sie verstand von einem Moment auf den anderen, dass ihre Schuldgefühle verkehrt waren. Plötzlich wusste sie, wer diese Gefühle, diese Ängste, diese Qualen wirklich verdient hatte:

Der Nette Mann von nebenan.

Jenny beschloss selbst etwas zu tun, sodass dieses Monster ihr nie wieder Schmerzen bereiten konnte.

Sie nahm die Pistole ihres Vaters, eine 9 mm, aus dem Nachtschränkchen und versteckte sie dort, wo sie sie während ihrer "Übungen" schnell zur Hand hatte - unter ihrem "Sponge-Bob"-Kopfkissen in ihrem Bett.

Zunächst verhielt sie sich wie immer. Sie wartete auf den Moment, in dem er ihr schutzlos ausgeliefert war. Dieser war gekommen, als er sich über sie beugte und sich daran machte in sie einzudringen.

Genau in diesem Moment holte sie die Waffe hervor. Ihr Vater hatte sie einmal mit auf den Schießstand genommen. Sie wusste also was sie tat. Herr B. war viel zu beschäftigt um zu merken, dass er bald sterben würde.

Sie drückte ab. Noch im selben Moment spürte sie den Rückschlag der Waffe. Gleichzeitig wusste sie, dass die Kugel ihr Ziel erreichen würde.

Sekundenbruchteile später durchbohrte sie den Schädel von Herrn B. Das Blut spritze Jenny in die Augen. Reflexartig schloss sie diese. Ihr ganzes Gesicht war voll mit der warmen Flüssigkeit.

Herr B.s sank auf ihr nieder. Die Pistole fiel ihr aus der Hand und auf den Boden. Weil sie zu schwach war, musste sie es lange, sehr lange, ertragen, so zu liegen.

In dieser Position fanden Jennys Eltern sie Stunden später. Der leblos Herr B. mit runtergezogener Hose auf ihrer 12-jährigen Tochter. Beide vom Blut aus Herrn B.s Kopfwunde überströmt. Sofort zogen sie die Leiche herunter.

Und genau in diesem Moment schlief Jenny ein. Es war vorbei. Zum ersten Mal seit fünf Jahren hatte sie keine Schwierigkeiten einzuschlafen. Keine von Schuldgefühlen zerfressenen Alpträume.

Sie träumte den Traum einer glücklichen Kindheit.

Diesen Traum träumt sie auch heute noch. Jede Nacht.

Aber keiner kann ihr ihre Kindheit zurückgeben.

Und alles fing an, mit dem Netten Mann von nebenan.

11.10.07 18:34

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